Bis März 2017 will die japanische Regierung die Evakuierungsbefehle für viele von der Fukushima-Katastrophe betroffene Gebiete aufheben. 2018 gibt es keine Kompensationszahlungen mehr für die Menschen, die ihre Heimat aufgrund der Katastrophe verlassen mussten. Damit werden vor allem ärmere Menschen gezwungen, in die verstrahlten Gebiete zurückzukehren. Greenpeace warnt vor „nuklearer Erpressung“. Denn die weiterhin drastisch überhöhten Radioaktivitätswerte in den Gegenden seien eine „inakzeptable Gefährdung“ für die Gesundheit.
Bereits Anfang September sollen mehr als 7.000 ehemaligen Bewohner der Stadt Naraha in der Präfektur Fukushima, 20 Kilometer vom havarieten AKW entfernt, in ihre Häuser zurückkehren. Im März hatte die Regierung die Dekontamination für abgeschlossen und Naraha für „sicher“ erklärt.
Mit enormen Aufwand werden die durch die Reaktorkatastrophe verstrahlten Regionen dekontaminiert. Erde wird abgetragen und in Säcke gefüllt, Häuser gewaschen. Doch es ist nicht gelungen, das Gesundheitsrisiko für die Menschen zu senken, befindet Greenpeace. Die Wälder in den hoch belasteten Gebieten seien für hunderte Jahre gewaltige Radioaktivitätsspeicher, die gleichermaßen eine unmittelbare Gefahr und eine Quelle der Rekontamination blieben, so Jan vande Putte, Greenpeace-Experte für Strahlung. Es sei „unmöglich, sie zu dekontaminieren“.
Erneut hat Greenpeace in den vergangenen Wochen Bodenproben gesammelt und eigene Messungen vorgenommen. Die Strahlenbelastung im Distrikt Iitate, etwa 30 Kilometer entfernt von Fukushima, sei weiterhin so hoch, „dass eine Rückkehr der Bewohner unverantwortlich wäre“, meint Greenpeace-Atomenergieexperte Heinz Smital. Auf angeblich bereits dekontaminierten Feldern seien Werte gemessen worden, die einer jährlichen Dosis von mehr als zehn Millisievert – das Zehnfache des international zulässigen Grenzwerts – entsprechen.
Die Menschen indirekt zur Rückkehr in die verstrahlten Gebiete zu zwingen ist „eine politische Entscheidung der Abe-Regierung, die weder Wissenschaft, Datenlage noch das öffentliche Wohl in Betracht zieht“, warnt vande Putte.
Die internationale Atomenergie-Organisation IAEO unterstützt das Vorhaben der japanischen Regierung. Sie spielt die Gefahren der Atomkraft systematisch herunter und stellt die Dekontaminationserfolge in Fukushima falsch dar. Die Regierung arbeitet parallel am Comeback der Atomkraft. Am 7. Juli 2015 wurde begonnen, das Atomkraftwerk Sendai-1 mit Brennstoff zu beladen. Im Herbst soll der Block nach bisheriger offizieller Planung als einer der ersten die Stromproduktion wieder aufnehmen.
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26. Juni 2015 — Nach Beginn des Super-GAU von Fukushima mussten alle japanischen Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Milliarden wurden bis heute in Sicherheitsnachrüstungen investiert. Laut Atomaufsicht sind die Vorschriften jetzt „die strengsten der Welt“. Dem widersprechen renommierte Wissenschaftler und warnen vor dem angekündigten Wiederanfahren der AKW: Die Gefahren durch mögliche Erdbeben werden weiterhin nicht ernst genommen.
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16. Juni 2015 — Im September will die Internationale Atomenergie Organisation (IAEO) einen Bericht zur Atomkatastrophe von Fukushima vorlegen, der von 180 Experten aus 40 Ländern zusammengestellt wurde. Im Kern gibt er schon jetzt eine Antwort: Japan habe „übermäßiges Vertrauen“ in die Sicherheit ihre Atomanlagen gehabt. Greenpeace spricht von „Irreführung“, der IPPNW berichtet unterdessen von zehntausenden erkrankten Kindern.
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25. Februar 2015 — Es ist erst wenige Tage her, da sprach die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) von „erheblichen Fortschritten“ bei der Folgenbewältigung des Super-GAU im japanischen Fukushima. Die Lage auf dem AKW-Gelände habe sich „verbessert“. Doch nun ist durch ein neues Leck erneut verstrahltes Wasser ins Meer gelangt.
- „Vollkommen verantwortungslos“: Japan plant Neustart von zwei Atomkraftwerken
4. November 2014 — Die Strahlenwerte in Fukushima liegen weit über dem Grenzwert, die Menschen leiden noch immer unter der Katastrophe. Und Japans Regierung plant den Neustart zweier Reaktoren. Der deutsche Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital hat erneut die Region besucht und Messungen durchgeführt.
Quellen (Auszug): greenpeace.de, dw.com, nuklearforum.ch, 10./21.7.2015