Siggi Achner, Expertin für Energieeffizienz, über zukunftsfähige Energiekonzepte, die Chancen einer Energiewende und die kurzsichtige Debatte um Kohle und Atom.
Entweder Atom- oder Kohlekraftwerke – sind das unsere Alternativen?
Siggi Achner: Nein. Langfristige Alternative sind ganz klar die Erneuerbaren Energien. Dafür muss man aber jetzt was tun und sie mit maximalem Engagement ausbauen.
Welchen Anteil können die Erneuerbaren Energien übernehmen?
2020 schon 37 Prozent, 2050 unseren kompletten Strombedarf. Diese Zahlen decken sich im Übrigen mit denen des Umweltbundesamts und der Leitstudie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Wenn man den Ausbau der Erneuerbaren wirklich angeht, landet man immer in dieser Größenordnung.
Derzeit liegt der Ökostromanteil bei 16 Prozent. Bis zu den 100 Prozent ist das noch ein Schritt.
Das hört sich erstmal sehr groß an. Aber schauen Sie sich nur die Entwicklung der letzten zehn Jahre an, da ist der Anteil der Erneuerbaren exponentiell angestiegen. Und es ist durchaus das Potenzial da, dass das noch eine Weile weiter geht. Natürlich in unterschiedlichen Bereichen: Irgendwann in den nächsten 20 Jahren wird die Geothermie ähnlich wachsen wie in der Vergangenheit Windkraft und Photovoltaik.
Braucht es eine „Brücke“ bis dahin?
Wenn wir jetzt unsere Potenziale beim Ausbau der Erneuerbaren Energien, der Kraft-Wärme-Kopplung und der Energieeffizienz nutzen, brauchen wir weder Laufzeitverlängerungen für AKW noch neue Kohlekraftwerke. Auch wenn ich an die Klimaschutzziele denke, muss ich sagen: Diese „Brücken“ passen da nicht rein. Es ist eher kontraproduktiv, sich auf Ausbau und Erhalt des klassischen Großkraftwerksparks zu konzentrieren.
Was wäre denn stattdessen nötig?
Man muss im Gesamtkonzept ein ganz klares Statement für die Energiewende geben. Es gibt ja einen gewissen Systemkonflikt zwischen den stark fluktuierenden Erneuerbaren Energien und dem historisch gewachsenen konventionellen Kraftwerkspark. Bei dessen Erneuerung muss man also sicherstellen, dass in Zukunft auch große Mengen fluktuierender Energien gepuffert und aufgenommen werden können. Sonst muss man Windräder abschalten, weil man die Grundlast-Kraftwerke wie Braunkohle und Kernenergie nicht flexibel genug regeln kann.
Für einen Übergang sieht auch Ihr Szenario noch konventionelle Kraftwerke vor.
Richtig, aber schon im Jahr 2030 kann der heutige Beitrag der großen Kohleblöcke durch Erneuerbare Energien und moderne Anlagen der Kraft-Wärme-Kopplung ersetzt werden. Ein vollständiger Ausstieg aus der Kohleverstromung ist bis 2040, der komplette Atomausstieg schon bis 2015 möglich. Das bedeutet auch, dass man sofort mit dem Abschalten der Kernkraftwerke anfangen muss. Zur Ergänzung der Erneuerbaren Energien gibt es in unserem Modell nur hocheffiziente, schnell regelbare Gaskraftwerke und Kraft-Wärme-Kopplung.
Die Versorgung wäre nicht gefährdet?
Nein, es gibt keine Deckungslücke. Erstens werden wir immer mehr Ökostrom haben. Zweitens gibt es in allen Sektoren Möglichkeiten, Energie einzusparen, und zwar in erheblichem Ausmaß. Das ist unsere alltägliche Erfahrung aus der Energieeffizienzberatung von Industrieunternehmen und Kommunen.
Die zusätzlichen Gaskraftwerke in Ihrem Modell erhöhen aber den Gasverbrauch.
Für die Stromerzeugung ja. Insgesamt nimmt er bis 2030 dennoch um ein Viertel ab – wegen besserer Gebäudedämmung und mehr Kraft-Wärme-Kopplung.
Ein Umbau der Energieversorgung, wie Sie ihn skizziert haben, kostet viel Geld. Wer soll das bezahlen?
Die erforderlichen Mehrinvestitionen in Energieeffizienz, Ausbau der Erneuerbaren Energien und der Kraft-Wärme-Kopplung machen sich bezahlt durch die erheblichen Energieeinsparungen – und das schon binnen zehn Jahren. Es lohnt sich also. Mal ganz abgesehen davon, dass dieses Geld – 110 Milliarden Euro bis 2020 – ja hier bei uns investiert würde, was jede Menge Arbeitsplätze bedeutet.
Was hätten wir sonst noch von der Energiewende?
Eine deutlich verringerte Importabhängigkeit, ein drastisch reduzierter Primärenergieeinsatz, 45 Prozent weniger Treibhausgas-Emissionen bis 2020, minus 90 Prozent bis 2050. Plus eine erhöhte Versorgungssicherheit und mehr Komfort, etwa durch besser gedämmte Wohnungen.
Die Regierung diskutiert viel über ein „Energiekonzept“. Hat sie sich schon mal für Ihre Studie interessiert?
An uns ist sie bisher nicht herangetreten. Die Diskussion fokussiert sehr auf Einzelthemen.
Der umfassende Ansatz fehlt?
Einige Aussagen wirken sehr kurzsichtig und lassen zumindest vermuten, dass das Gesamtverständnis noch nicht so ganz entwickelt ist. Wenn man etwa die Themen Effizienz und Erneuerbare Energien mit ins Boot holt, dann lassen sich Behauptungen wie die, dass Kernkraft eine notwendige „Brückentechnologie“ sei, nach unseren Ergebnissen einfach nicht halten.
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Interview: Armin Simon
Erschienen im .ausgestrahlt-Rundbrief 9
Siggi Achner, 33, ist Senior Consultant für Energieeffizienz und Klimaschutz und Autorin mehrerer Studien zur Energieversorgung. Für Greenpeace erstellte sie im Sommer 2009 die Expertise „Klimaschutz: Plan B 2050 – Energiekonzept für Deutschland“.
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