Das AKW Brunsbüttel (Baubeginn 1970, Inbetriebnahme 1976) ist der viertälteste noch in Betrieb befindliche Reaktor in Deutschland. Wie die AKW Philippsburg 1, Isar 1 und Krümmel ist Brunsbüttel ein Siedewasserreaktor der Baulinie 69 (SWR 69), so benannt, weil die Konstruktion aus dem Jahr 1969 stammt. Das AKW Würgassen, der erste SWR 69, wurde nach einem Störfall 1994 abgeschaltet.
Mit mehr als 450 sicherheitsrelevanten „meldepflichtigen Ereignissen“ in den 34 Betriebsjahren, das sind fast 14 pro Jahr, ist Brunsbüttel der störungsanfälligste Reaktor der Republik und der mit den längsten Stillstandszeiten. Nach den Ergebnissen der Probabilistischen Risikoanalyse (PRA) ist das Risiko eines gefährlichen Anlagenzustands mehr als sechsmal so hoch wie in den neueren Reaktoren. Brand und äußere Einwirkungen wurden bei der Analyse gar nicht berücksichtigt.
Ende 2009 stand Brunsbüttel nach dem Atomgesetz noch eine Reststrommenge von 11.000 GWh zu, das entspricht bei Volllast einer Restlaufzeit von 19 Monaten. Nach einer ganzen Serie von Störfällen und Schnellabschaltungen liegt Brunsbüttel seit dem 21. Juli 2007 wegen unzähliger Mängel und Reparaturen komplett still. Betreiber Vattenfall hatte zunächst angekündigt, den Reaktor im Frühjahr 2010 wieder in Betrieb nehmen zu wollen. Inzwischen ist von einem Termin nicht vor 2011 die Rede.
Am 24.4.2010 protestierten auf Initiative von .ausgestrahlt und anderen Organisationen etwa 120.000 Menschen mit einer 120 Kilometer langen Menschenkette zwischen den AKW Brunsbüttel und Krümmel gegen Atomkraft und gegen eine Wiederinbetriebnahme der beiden Pannenreaktoren.
Besondere Schwachstellen von Brunsbüttel
Brunsbüttel weist gravierende Konzeptionsfehler in der Notstromversorgung und im Sicherheitsleitsystem auf, die praktisch nicht zu beheben sind. Die Reaktorsicherheitskommission hält 2003 fest, dass selbst ein Austausch des Sicherheitsleitsystems „die Defizite im Anlagenkonzept hinsichtlich des Aufbaus der Notstromversorgung nicht ausgleicht.“ Als einiziges AKW in Deutschland hat Brunsbüttel nur drei statt vier Dieselgeneratoren. Zwei davon sind nötig, um die Kühlung des Reaktors auch nach einer Schnellabschaltung zu gewährleisten. Allerdings gibt es nur zwei Leitungen, die die Pumpen und Sicherheitseinrichtungen im Notfall versorgen können. Fällt ein Generator oder gar eine der beiden Leitungen aus, sind fehlerträchtige Schaltvorgänge notwendig, um die richtigen Generatoren und Notkühlsysteme miteinander zu verbinden. Die Notsysteme des Reaktors sind zudem in wesentlichen Teilen anders gebaut als genehmigt.
Wände und Decke des Reaktorgebäudes in Brunsbüttel sind noch nicht einmal 50 cm dick (im Vergleich zu 180 cm bei den neueren AKW). Das Gebäude bietet daher so gut wie keinen Schutz gegen Flugzeugsturz und andere äußere Einwirkungen. Es ist lediglich gegen den Absturz eines kleinen Sportflugzeugs ausgelegt – obwohl der Reaktor nur 70 Kilometer vom Flughafen Hamburg entfernt liegt.
Die Periodische Sicherheitsüberprüfung (PSÜ) im Jahr 2001 ergibt eine 707 Punkte umfassende Mängelliste. Deren Veröffentlichung versucht Vattenfall jahrelang zu verhindern. Noch Mitte 2006, über fünf Jahre nach der PSÜ, besteht nach Aussage der schleswig-holsteinischen Atomaufsicht bei mehr als 180 Punkten ein „Nachweisdefizit, das kurzfristig zu beseitigen ist“. Erst Anfang 2008 erklärt sie die PSÜ formal für abgeschlossen. Einige weiterhin offene Punkte will sie „betriebsbegleitend“ weiterverfolgen. Wegen andauernder Reparaturen ging das AKW Brunsbüttel seither jedoch nicht wieder ans Netz.
Wiederholt kommt es in Brunsbüttel zu riskanten Schlampereien und Fehlverhalten des Betriebspersonals. Mehrfach lässt der Betreiber den Reaktor selbst nach Störfällen absichtlich weiterlaufen.
Bauartbedingte Sicherheitsmängel
Bei allen Siedewasserreaktoren treibt, anders als bei Druckwasserreaktoren, der radioaktive Dampf des Primärkreislaufs direkt die Turbinen an: Die unter hohem Druck stehenden Rohre mit dem 300 Grad heißen Dampf verlassen den Sicherheitsbehälter. Das bei einem Leck austretende Wasser kann daher unter Umständen nicht aufgefangen und wieder zurück in den Reaktorkern gepumpt werden – die Kühlung des Reaktorkerns ist in Gefahr. Zudem können auf diesem Weg schnell große Mengen radioaktiven Dampfs in die Umwelt gelangen.
Die Siedewasserreaktoren der Baulinie 69 (SWR 69), zu denen auch Brunsbüttel gehört, weisen darüber hinaus schon gegenüber den etwas neueren Siedewasserreaktoren der Baulinie 72 (SWR 72) eine ganze Reihe von planungs- und konstruktionsbedingten Nachteilen auf, die sich nicht einfach durch Nachrüstungen beheben lassen:
Der Sicherheitsbehälter (Containment) ist besonders klein und dünnwandig. Er kann daher bei größeren Störfällen besonders leicht platzen oder leckschlagen. Weil auch die Bodenwanne nur aus Stahl besteht, würde er bei einer Kernschmelze innerhalb von Minuten durchschmelzen.
Der hohen Druck- und Temperaturbelastungen ausgesetzte Primärkreislauf des Reaktors ist aus baulichen Gründen nur eingeschränkt auf Risse oder sonstige Schädigungen überprüfbar. Die Schmiederinge des Reaktordruckbehälters sind nicht nahtlos. Die Schweißnähte wiederum sind besonders anfällig für Rissentstehung und Risswachstum. Das sogenannte „Bruchausschlusskonzept“, das die Stabilität der Installationen garantieren soll, wurde erst nach Inbetriebnahme der Reaktoren durch „Nachqualifizierung“ umgesetzt. Damit steigt das Risiko eines schweren Unfalls durch ein Leck oder ein Abreißen der Rohrleitungen.
Trotz jahrelanger Reparaturen, Austauschs von mehreren Kilometern Rohrleitungen und obwohl es in den eingesetzten Materialien angeblich keine Risse geben soll, tauchen bis heute immer wieder neue Risse in Rohren, Armaturen und Behältern auf.
Das Notkühlsystem verfügt über weniger redundante Stränge, zudem gibt es kein Mitteldruckeinspeisesystem.
Bei der Notstromversorgung gibt es weniger redundante Stränge, die zudem noch miteinander vermascht sind – ein Ausfall eines Systems kann mehrere Stränge zugleich lahmlegen. Insgesamt ist die Gefahr eines „station black-out“, eines Stromausfalls im Reaktor, bei dem die wichtigen Sicherheitssysteme und die Kühlung des Reaktorkerns ausfallen, daher deutlich größer als in neueren Anlagen.
In der Probabilistischen Risikoanalyse (PRA) schneiden alle vier SWR-69-Reaktoren deutlich schlechter als die neueren AKW ab.
Unsicher seit 34 Jahren
Testläufe an einem Simulator in Kanada enthüllen 2002 gravierende „Planungsfehler in der Notstromversorgung und der Steuerung mehrerer Aggregate in den Not- und Nachkühleinrichtungen“ des Reaktors an der Unterelbe – just bei den Sicherheitssystemen, die im schwedischen AKW Forsmark im Sommer 2006 um ein Haar zum GAU geführt hätten. Der frühere Siemens/KWU-Ingenieur Klaus-Dieter Bandholz, damals Vorsitzender des Ausschusses „Elektrische Einrichtungen“ der Reaktorsicherheitskommission, konstatiert, dem AKW Brunsbüttel habe seit seiner Inbetriebnahme 1976 „keine ausreichende Notstromversorgung der Not- und Nachkühlsysteme zur Verfügung“ gestanden.
Im Spätsommer 2004 fällt eine zu geringe Bor-Konzentration im Notflutbehälter des AKW Brunsbüttel auf. Das mit Bor versetzte Wasser soll bei einem Störfall in den Reaktorkern fließen, um dort die Kettenreaktion zu stoppen. Bei der Durchsicht alter Unterlagen stellt sich heraus, dass die nötige Konzentration über Jahre hinweg immer wieder unterschritten wurde. Auch dieses Sicherheitssystem war also jahrelang nicht vollständig einsatzfähig.
Die Beinahe-GAUs von 1978 und 2001
Am 18. Juni 1978 reißt wegen Schwingungen ein Stutzen an der Turbine ab. Das Betriebspersonal verhindert durch aktives Eingreifen die automatische Abschaltung des Reaktors, Radioaktivitätsmessgeräte und Monitore werden nicht kontrolliert – angeblich, weil sie schon in der Vergangenheit nicht richtig funktioniert hätten. Hundert Tonnen radioaktiver Dampf zischen ins Maschinenhaus und gelangen von dort teilweise ins Freie. Das AKW läuft noch fast drei Stunden weiter. Erst Kondenswasser, das sich durch den Dampf im Maschinenhaus bildet, löst schließlich einen Kurzschluss und der wiederum die Schnellabschaltung des Reaktors aus.
Am 14. Dezember 2001 entzündet sich in einer Leitung innerhalb des Sicherheitsbehälters und in unmittelbarer Nachbarschaft des Reaktordruckbehälters ein Knallgasgemisch, das sich durch radioaktive Bestrahlung von Wasser (Radiolyse) gebildet hat. Die Explosion zerfetzt zweieinhalb Meter einer in den Reaktorkern führenden Kühlleitung. Betreiber Vattenfall/HEW tippt auf eine „Flanschleckage“ und weigert sich zwei Monate lang, den Reaktor herunterzufahren. Die staatlichen Inspekteure finden schließlich 25 Trümmerstücke, die im ganzen Raum verteilt liegen, und kehren „leichenblass“ von ihrem Ortstermin zurück. „Wäre die Explosion etwa drei bis vier Meter weiter in Richtung Reaktordruckbehälter passiert, so hätte die druckführende Umschließung zerstört werden können, und es wäre zu einem Störfall mit Kühlmittelverlust und der Anforderung von Notkühleinrichtungen gekommen“, hält das Bundesumweltministerium fest. Vattenfall/HEW teilt mit, die Bildung von Knallgas durch Radiolyse sei auf Grund mehrerer früherer Analysen und Modellrechnungen ausgeschlossen worden.
Quellen und weitere Informationen
BUND-Studie „Gefahren von Laufzeitverlängerungen“, August 2009
BUND-Hintergrundpapier „Vattenfalls riskante Atomgeschäfte“, Juli 2007
Greenpeace-Studie „Risiko Restlaufzeit. Die Probleme und Schwachstellen der vier ältesten deutschen Atomkraftwerke. Schwerpunkt Brunsbüttel“, Juli 2005
Greenpeace-Studie „Auswirkungen eines schweren Unfalls im Atomkraftwerk Brunsbüttel", Juni 2009
Deutsche Umwelthilfe: Hintergrundinformationen zur Periodischen Sicherheitsüberprüfung Brunsbüttel 2001 und der daraus resultierenden Mängelliste, Juli 2007
Atomaufsicht Schleswig-Holstein: Abschlussbericht zur Periodischen Sicherheitsüberprüfung 2001 des AKW Brunsbüttel, Januar 2008
Deutsche Umwelthilfe: Hintergrundinformationen zum Problemreaktor Brunsbüttel und zu den Defiziten bei der Notstromversorgung, August 2006
- .ausgestrahlt-Interview mit dem Ex-Chef der Bundesatomaufsicht, Wolfgang Renneberg, u.a. über die Sicherheitsdefizite im AKW Brunsbüttel, Januar 2010
Robin Wood: Hintergrundinformationen zum AKW Brunsbüttel, März 2006
Umweltinstitut München: Information über die Wasserstoffexplosion im Atomkraftwerk Brunsbüttel 2001, März 2002
"Spiegel"-Artikel zum Beinahe-GAU 1978, Juni 1978
Systemoppositionelle Atomkraft Nein Danke (SAND): Chronik der Störfälle in Brunsbüttel von der Wasserstoffexplosion am 14. Dezember 2001 bis heute
Initiative "AKW Brunsbüttel stilllegen – jetzt!"
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